11. November 2011
Am Montag haben meine zwei Wochen in der Kinesiotherapie/Ergotherapie begonnen. Denn für jeweils zwei Wochen werde ich die verschiedenen Bereiche und Klassen verbringen, um alles kennenzulernen. Danach kann ich dann entscheiden, in welchem Bereich ich meine verbleibende Zeit verbringen und folglich mehr lernen und auch einbringen möchte.
Jedes Kind kommt, abgesehen von den Kindern, die über das Centre untergebracht sind, mit seiner Mutter zur Ergotherapie. Denn den Müttern werden die Übungen und Aufgaben, die als nächstes bewältigt werden sollen mitgeteilt und beigebracht. So soll das tägliche Training zu Hause sichergestellt werden. In der Ergotherapie sind auch Kinder, die „nur“ auf Grund von kleinen Fehlstellungen zu Behandlung kommen.
Montag habe ich zunächst zugeschaut und erklärt bekommen, was wie warum gemacht wird – mit praktischer Einführung. Für die Erklärungen war ich auf eine französisch sprechende Mama und den Leiter der Ergotherapie angewiesen, denn die anderen Mütter und Mitarbeiter, abgesehen von der Kongolesin Josianne, sprechen nur Kirundi.
Sobald ich mir ein Kind schnappe um mit ihm Übungen zu machen, sind die Mamas hocherfreut. Ich hatte eher erwartet, dass es ihnen ein bisschen ungeheuer ist, ihr Kind den Händen einer Fremden anzuvertrauen. Aber wahrscheinlich erwartet ein Teil von mir die Wunderheilkräfte. Auf jeden Fall kommt es vor, dass mir Eltern die Fragen stellen, die schon mehrfach beantwortet wurden. Wenn ich sie dann wieder beantworte oder an Marcel, den Leiter der Ergotherapie der auch in Belgien mehrfach Fortbildungen besucht hat, verweise und meine Funktion erkläre, ist die Überzeugung, dass ich nicht doch eine andere Antwort auf brennende Fragen habe, verschwindend geringer.
Denn die Fragen, die die Eltern der behinderten Kinder quälen, beziehen sich auf die Zukunft ihres Kindes: in welchem Zustand wird es in 10 Jahren sein? Geheilt? Auf dem gleichen Niveau? Verschlechtert sich der Zustand? Wie wird die finanzielle Belastung aussehen? Und die ernüchternde Antwort in den meisten Fällen: „abwarten“. Leider kann kein Spezialist der Welt die Entwicklung der Kinder voraussagen, deren Eltern jeden Tag mit diesen Fragen kämpfen.
Die Ungewissheit bzw. die enormen Sorgen und täglichen Gedanken, die die Eltern quälen, hat die französisch sprechende Mama zum Ausdruck gebracht. Für sie ist es schwer auszuhalten, die Geduld zu haben und abzuwarten, was in den nächsten Jahren passiert. Ich finde das völlig nachvollziehbar! Und trotzdem ist es eben nur möglich, den momentanen Zustand zu beurteilen und zu verbessern. Denn das Alter der zu behandelnden Kinder liegt zwischen 3 Monaten und wenigen Jahren – die Entwicklung in alle Richtungen ist also möglich.
Abgesehen von solch ernsten Momenten ist die Atmosphäre aber wunderbar und die Verständigung dadurch, dass mit Händen und Füßen und meinen wenigen Worten Kirundi kommuniziert wird, der Stimmungsbringer.
Auch die Nachmittage habe ich in der Ergotherapie verbracht und mit den Kindern laufen geübt und Ballspiele gemacht, um die Motorik zu schulen und sie ein bisschen zu unterhalten. Denn für alles, was nicht den ergotherapeutischen Übungen entspricht, nimmt bzw. kann sich keiner Zeit nehmen. Mir machts enorm viel Spaß– am Wichtigsten ist aber: den Kindern auch! :)
Die zwei Belgierinnen, die Montag angekommen sind und zwei Wochen bleiben um alle Mitarbeiter ergotherapeutisch weiterzubilden, haben ihr Programm gleich begonnen. Denn vieles, was sie in den Klassen im Centre kennenlernen und mit ihren Erfahrungen aus Belgien bewerten, lässt sie verzweifeln. Die zwei erwartet also noch eine arbeitsintensive Woche! Und auf Grund dessen, was sie bisher berichtet haben, bin ich gespannt, was mich dort erwartet und was ich an Ideen einbringen kann.
Diese Woche habe ich mir viel Zeit für die Autisten genommen, die sonst immer zu kurz kommen, da sie wenig auf sich aufmerksam machen und so in dem Berg Arbeit verschwinden. Denn es mangelt an Personal – krank werden darf im Prinzip niemand.
Verliebt habe ich mich in den kleinen Paul, der seine Eltern nicht mehr hat und folglich im Centre untergebracht ist. Es ist unheimlich spannend ihn zu beobachten und zu schauen, wie er in vielen Situationen auf seine Umwelt reagiert.
Wenn alle die Zeit dafür hätten, jedes Kind wirklich individuell zu betrachten, wäre durch diese individuelle Förderung auch die Situation in den Klassen garantiert nicht so schockierend für die zwei Belgierinnen gewesen. Denn der Gedanke spielend zu Lernen hat hier bisher wenig Fuß gefasst – obwohl die Materialien da sind! Mal schauen, was sich da machen lässt ;) .
Dienstagabend war ich bei Diane, die im Prinzip nur einmal über die Straße wohnt. Mit ihren 2 Kindern habe ich ausgiebig rumgealbert, sodass mein Name in kürzester Zeit unwesentlich war und ich nur noch „Tantine (Tantchen)“ genannt wurde.
Die ganze Woche war es bewölkt und sehr regnerisch. Insgesamt regnet es laut Berichten ungewöhnlich viel für die kleine Regenzeit – hoffen wir, dass das nicht noch zum Problem wird. Mittwoch war es zudem unheimlich kühl, ein Pulli war notwendig. In der Ergotherapie trugen alle Kinder, die nicht in ihren Familien leben, einen grauen Pulli – Einheitsgröße. Ein für mich sehr berührendes Bild – ist es doch ein weiteres Indiz, in welcher Situation die Kinder leben, u.a. dass sie ganz ohne den Schutz ihrer Familie groß werden müssen.
Gemeinsam mit den zwei Ergotherapeutinnen aus Belgien habe ich den Snoozle-Raum eingerichtet, um eine kleine Ruheoase zu schaffen. Wunderbar, was man zu dritt alles schaffen kann. Das ganz besonders Positive: man kann Ideen sammeln, diskutieren und diese dann gemeinsam umsetzten. Ich weiß nicht, wie lange man als Einzelperson an diesem Projekt gewirkt hätte.
Donnerstag habe ich Derrick zu seinem Deutsch-Kurs an einem der renommiertesten Gymnasien hier begleitet. Ein sehr erleuchtendes Erlebnis, wenn man es mit dem vergleicht, was ich in der Waldorfschule kennen gelernt habe. Oder kennen lernen durfte! Wahnsinn, dass die Jungs und Mädels so überhaupt etwas lernen. Denn gearbeitet wurde mit einem Buch, einer CD und jeder Menge Tempo!!! Die Lektion musste geschafft werden, dass schien mir das allerwichtigste gewesen zu sein. Der Lehrer liest vor, alle repetieren, die CD wird abgespielt, alle schreiben mit und wiederholen, was die fittesten erinnern konnten. Denn in dem Tempo, in dem auf einer fremden Sprache gesprochen wurde, zu verstehen was gesagt wurde UND das auch noch mitzuschreiben war für viele verständlicherweise ein Ding der Unmöglichkeit. Und da soll man dann motiviert den Raum verlassen und nächste Woche voller Elan weitermachen-und am Besten in der nicht existierenden Freizeit noch Zeit finden, diese zusätzliche Unterrichtsstunde nachzuarbeiten.
Der Grammatikpart, den ich miterlebt habe, war wunderbar und sehr verständlich. Nur leider auch wieder in einem unmöglichen Tempo. Wer überlegen muss hat verloren. Leider sieht hier der Unterricht wohl überall so aus. Viel wiederholen bzw. eher nachsagen – und vor allem in einem flotten Tempo. Und das in Burundi, schau einer an.
Gestern Abend, als ich gerade im Begriff war schlafen zu gehen, klopfte es an meiner Tür. Diane, die den ganzen Tag zu Hause verbringt, wollte mal eben vorbei schauen. Tür wieder zumachen ging nicht, also kam sie herein um mal ein bisschen mit mir zu quatschen. Denn von Lorène wusste sie, dass wir uns öfter sehen, dem wollte sie in nichts nachstehen. Auch sonst hagelt es SMS, die dem Zwecke dienen Hallo zu sagen und zu fragen wie es mir denn geht – oft verbunden mit einer Beschwerde, dass man ewig nichts gehört hätte und dem kleinen Anhang, ob ich die entsprechende Person schon aufgegeben hätte. Nun gut, an diese Art von SMS muss ich mich noch gewöhnen, ich fürchte mich schon fast, neue SMS zu öffnen ;).
Ich weiß auch nicht, hier scheint keiner so recht begreifen zu wollen, dass Langeweile absolut keinen Platz in meinem Tagesablauf findet. Die Zeit, die ich nach der Arbeit und vor Einbruch der Dunkelheit habe nutze ich wie es nur geht – und die Wochenenden sind bisher auch eher überfüllt als öde. So ists auf jeden Fall am besten, nur muss ich aufpassen, dass nicht bald alle auf die Idee kommen, einfach mal am späten Abend vorbeizuschneien und sich hier festzusetzten.
Ansonsten geht auch der Kirundi/Deutsch Unterricht erfolgreich voran. Es macht mir riesig Spaß, die Sprache Wort für Wort zu lernen. Dabei bin ich eher ungeduldig und würde die Sprache doch gerne schon beherrschen ;) .
Heute bin ich zum ersten Mal beim Bezahlen verarscht worden. Denn auf dem Rückweg vom Centre habe ich in einem Laden Essig gekauft, um meine Mückenstiche zu behandeln. Bezahlt habe ich mit einem 2000 FBU Schein, Rückgeld hätte sein müssen 1.500 FBU. Stattdessen gabs nur 500 FBU zurück – mit der Begründung, dass ich nur 1000 FBU gegeben hätte. Die konnte sie auch prompt aus ihrer Kasse zücken. Für mich der letztendlicher Beweis, dass ich mit 2000 FBU bezahlt hatte, denn den Schein hatte ich ihr sicher nicht gegeben. Das habe ich nicht auf mir sitzen lassen, was die Freundin der Ladenbesitzer veranlasste, sofort aggressiv auf mich einzuschimpfen und mich mit „Muzungu, menteuse (Lügnerin)“ anzuschreien. Ausweglos, noch an das Geld zu kommen ( es wären ca. 60 Cent gewesen-aber das Prinzip zählt). Egal, nur Schade für die Ladenbesitzerin. Denn die hat mich zum letzten Mal gesehen. Und durch mich hätte sie sicher in den nächsten Monaten noch mehr als die 1000 FBU eingenommen.
Morgen geht es um 06:00 Uhr nach Gitega, um das Centre dort zu besichtigen. Es muss so früh losgehen, damit wir noch vor Beginn der „travaux communautaires“ aus der Stadt und abends rechtzeitig wieder zurück sind. Sonntag hat mich Diane, zum Mittagessen eingeladen. Nachmittags werde ich dann endlich wieder bei Lorène vorbeischauen. Wir haben uns letztes Wochenende das letzte Mal gesehen – und die Zeit, die ich mit ihr verbringe, genieße ich unheimlich!
Ansonsten bin ich abends immer rechtschaffend müde, denn die Arbeit im Centre zerrt doch an den Kräften. Nach wie vor ist das Centre aber der beste Ort, an dem ich landen konnte!
P.S. : Über die vielen lieben e-Mails, die ich auch gerade eben wieder entdeckt habe, freue ich mich sehr! Schön, von euch zu hören! Auch wenn die Antwort selten prompt kommt – Danke!!! :)